Ernährung und Gesundheit
Hafer, Soja oder Kuhmilch – was ist gesünder fürs Herz?
Pflanzliche Getränke wie Soja-, Hafer- oder Reismilch sind längst nicht mehr nur Alternativen für Menschen mit Laktoseintoleranz oder veganer Ernährung: Weltweit steigt der Konsum dieser Produkte rasant. Gleichzeitig wächst das Interesse von Forschenden wie Verbrauchern an ihren gesundheitlichen Effekten – insbesondere im Hinblick auf Herz-Kreislauf-Risiken und Stoffwechselgesundheit. Doch trotz ihrer Popularität fehlte bislang ein systematischer, vergleichender Überblick über die biologischen Folgen des regelmäßigen Konsums im Vergleich zu herkömmlicher Kuhmilch. Die aktuelle Übersichtsarbeit von Sabina Wallerer und Kollegen liefert nun einen solchen Vergleich – basierend auf randomisierten kontrollierten Studien (RCTs) und einer Netzwerk-Meta-Analyse (NMA), die unterschiedliche pflanzliche Getränke sowohl untereinander als auch im Vergleich zu Kuhmilch untersucht.
Hintergrund und Zielsetzung
Pflanzliche Drinks unterscheiden sich stark in ihrer Zusammensetzung: Sojadrinks enthalten vergleichsweise viel pflanzliches Eiweiß, Haferdrinks mehr Ballaststoffe, und Reisdrinks sind oft besonders kohlenhydratreich. Diese Variationen könnten unterschiedliche physiologische Wirkungen haben – etwa auf Cholesterin, Blutzucker oder Blutdruck. Vor dem Hintergrund einer zunehmenden globalen Belastung durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen zielt die vorliegende Analyse darauf ab, klare Evidenz über potenzielle Vorteile oder Nachteile des Ersatzes von Kuhmilch durch pflanzliche Alternativen zu gewinnen.
Methodik: Netzwerk-Meta-Analyse als Überkreuzvergleich
Die Studienautoren führten eine systematische Suche in mehreren großen Datenbanken (darunter MEDLINE, Cochrane CENTRAL und Web of Science) sowie in klinischen Studienregistern durch. Einschlusskriterien waren RCTs mit mindestens drei Wochen Dauer, die einen pflanzlichen Drink gegen einen anderen pflanzlichen Drink oder Kuhmilch testeten. Insgesamt fanden sich 14 Studien mit 543 Teilnehmern, die Soja-, Hafer- und Reismilch im Vergleich untereinander und zu Kuhmilch untersuchten.
Für die Meta-Analyse wurden typische kardiometabolische Parameter wie LDL- und HDL-Cholesterin, Gesamtcholesterin, systolischer und diastolischer Blutdruck sowie Blutzuckerwerte analysiert. Die Studienautoren verwendeten dabei moderne statistische Verfahren, um direkt und indirekt vergleichbare Effekte in einem Netzwerkmodell zu quantifizieren. Die methodische Qualität der eingeschlossenen Studien wurde mit dem etablierten RoB-2.0-Tool bewertet, und die Evidenz erhielt eine Einschätzung gemäß dem GRADE-System.
Zentrale Ergebnisse
Insgesamt zeigten sich – vielleicht überraschend – nur wenige klare Unterschiede zwischen den Getränketypen, wenn man die verschiedenen kardiometabolischen Risikofaktoren berücksichtigt. Dennoch ließen sich einige potenziell relevante Muster herausarbeiten:
Cholesterin
- Der Ersatz von 500 ml Kuhmilch pro Tag durch Sojadrink wurde mit einer Abnahme des „schlechten“ LDL-Cholesterins um etwa 0,47 mmol/l assoziiert (mit niedriger Evidenzsicherheit). Dies ist ein potenziell herzschützender Effekt, allerdings basiert er auf wenigen Daten und mit begrenzter statistischer Stärke.
- Haferdrinks zeigten tendenziell eine leichte Senkung des Gesamtcholesterins im Vergleich zu Kuhmilch und Reismilch, doch auch hier war die Evidenz schwach.
- Beim HDL-Cholesterin – dem „guten“ Cholesterin – fanden sich im Vergleich zwischen pflanzlichen Drinks und Kuhmilch keine bedeutsamen Unterschiede.
Blutdruck
Einer der auffälligeren Befunde war, dass der tägliche Austausch von Kuhmilch durch Sojadrink mit signifikanten Senkungen des systolischen und diastolischen Blutdrucks einherging (jeweils um etwa 8 mmHg beziehungsweise 7,8 mmHg). Trotz dieser vermeintlich eindrucksvollen Zahlen muss man diese Effekte mit Vorsicht interpretieren: Die Sicherheit der Evidenz war ebenfalls niedrig, und große, gut kontrollierte Langzeitstudien fehlen bislang.
Blutzucker und andere Parameter
Hinsichtlich Nüchtern-Blutzuckerwerten oder Insulinreaktionen zeigten die pflanzlichen Drinks keine konsistenten Vorteile gegenüber Kuhmilch. Auch bei weiteren metabolischen Markern waren die Effekte klein oder statistisch unsicher.
Pflanzliche Drinks und Knochengesundheit
Neben kardiometabolischen Effekten spielt bei Milch und Alternativgetränken auch die Knochengesundheit eine zentrale Rolle. Die in der Analyse berücksichtigten Studien lieferten hierzu allerdings nur begrenzte Daten. Während Kuhmilch natürlicherweise reich an gut verfügbarem Kalzium und Protein ist, hängt der potenzielle Beitrag pflanzlicher Drinks zur Knochengesundheit stark von ihrer Anreicherung mit Kalzium, Vitamin D und teilweise Vitamin B12 ab. Die Autoren weisen darauf hin, dass nicht angereicherte pflanzliche Drinks langfristig eine geringere Kalziumzufuhr begünstigen könnten, sofern sie Milch vollständig ersetzen. In die Arbeit eingeschlossen werden konnte lediglich eine Studie, welche hier Vorteile für Kuhmilch zeigte.
Bewertung der Evidenz und Ausblick
Ein zentrales Ergebnis der Analyse ist, dass die derzeit vorliegenden RCTs insgesamt eine lediglich geringe bis sehr geringe Qualität aufweisen – häufig aufgrund kleiner Stichproben, kurzer Studiendauer oder methodischer Limitationen. Die Studienautoren betonen deshalb, dass selbst positive Effekte – etwa auf LDL-Cholesterin oder Blutdruck – mit Vorsicht zu interpretieren sind und größere, langfristigere Studien erforderlich sind, um robuste Schlussfolgerungen zu ziehen.
Fazit: Pflanzlich ≠ automatisch gesünder
Die Netzwerk-Meta-Analyse zeigt, dass der Austausch von Kuhmilch durch pflanzliche Drinks keine starken, konsistenten Vorteile für die kardiometabolische Gesundheit aufweist – zumindest nicht auf Grundlage der derzeit verfügbaren Studienlage. Kleine Effekte, insbesondere für Sojadrinks, deuten jedoch an, dass bestimmte pflanzliche Alternativen unter Umständen günstigere Effekte auf Cholesterin und Blutdruck haben könnten. Insgesamt bleibt die Evidenz aber zu unsicher, um allgemeine Ernährungsempfehlungen auszusprechen. Die Ergebnisse unterstreichen vielmehr den Bedarf an methodisch hochwertigen, langfristigen Studien, um die potenziellen gesundheitlichen Vor- und Nachteile pflanzlicher Drinks besser zu verstehen.
Hintergrund und Finanzierung
Die Studie wurde von einem interdisziplinären Forschungsteam mehrerer deutscher Universitäten und außeruniversitärer Forschungseinrichtungen im Rahmen des Projekts EvaPlaM (Gesundheitliche und ökologische Evaluierung von Pflanzendrinks im Vergleich zu Kuhmilch) durchgeführt. Die Finanzierung erfolgte vollständig aus öffentlichen Mitteln, insbesondere durch das Bayerische Staatsministerium für Ernährung, Landwirtschaft, Forsten und Tourismus. Darüber hinaus erhielten einzelne beteiligte Wissenschaftler ergänzende Fördermittel von unabhängigen Forschungsförderern wie der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG). Die Fördergeber hatten keinen Einfluss auf Studiendesign, Datenerhebung, statistische Auswertung, Interpretation der Ergebnisse oder die Entscheidung zur Veröffentlichung. Sämtliche potenziellen Interessenkonflikte wurden gemäß internationaler Transparenzstandards offengelegt. Die Arbeit erscheint in Advances in Nutrition, einer renommierten Fachzeitschrift der American Society for Nutrition (ANS), und folgt etablierten Standards der evidenzbasierten Medizin, einschließlich einer vorab registrierten Studienplanung.
Publikation

Wallerer S, Stadelmaier J, Petropoulou M, Kiesswetter E, Beck J, Sina E, Meier T, Sedlmaier K, Kussmann M, Hauner H, Schwingshackl L (2026): Impact of plant-based drinks on cardiometabolic outcomes: a systematic review and network meta-analysis. In: Advances in Nutrition, Elsevier, DOI: 10.1016/j.advnut.2026.100595






