Ernährung, Gesundheit und Umwelt
Mediterrane Ernährung auf dem Prüfstand // Gesundheits- und Umwelteffekte der Ernährung in Spanien
Das Bild der Mittelmeer-Diät als Garant für Gesundheit und Langlebigkeit hält sich hartnäckig – entspricht in Ländern wie Spanien jedoch längst nicht mehr der Realität. Der heutige Alltag ist geprägt von einem hohen Verzehr von Fleisch, Milchprodukten und stark verarbeiteten Lebensmitteln, während traditionelle Grundnahrungsmittel wie Vollkorn, Hülsenfrüchte und Nüsse ins Hintertreffen geraten. Die Folgen sind gravierend: Fehlernährung ist in Spanien mittlerweile der zweitgrößte verhaltensbedingte Risikofaktor für Erkrankungen – übertroffen nur vom Rauchen – und führt zu einer hohen Prävalenz chronischer Leiden wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Typ-2-Diabetes und Krebs.
Gleichzeitig führt der aktuelle Konsum von Lebensmitteln in Spanien zu hohen Umweltlasten und einem hohen Ressourcenverbrauch – mit höheren Auswirkungen als der Mobilitäts- und Wohnsektor zusammen. Diese Umwelteffekte wirken wiederum auf die menschliche Gesundheit zurück (z. B. durch Klimawandel, Feinstaub und Schadstoffe).
Eine aktuelle Studie untersuchte nun erstmals diesen Doppeleffekt: sowohl die direkten ernährungsbedingten Gesundheitsschäden (nutDALYs) als auch die indirekten umweltbedingten Gesundheitsschäden (envDALYs).
Diese wurden mit den aktuellen nationalen Ernähungsempfehlungen der Spanischen Agentur für Lebensmittelsicherheit und Ernährung (AESAN) sowie alternativen, stärker pflanzenbetonten Szenarien verglichen. Die peer-reviewte Studie erschien im Elsevier-Verlag im Journal of Cleaner Production.
Methodik: Integrierte Bilanzierung mittels DALYs
Die Autoren nutzten als einheitliche Metrik die Disability-Adjusted Life Years (DALYs) – eine Kennzahl, die sowohl durch Krankheit verlorene Lebensjahre (Morbidität) als auch durch vorzeitigen Tod verlorene Lebensjahre (Mortalität) zusammenfasst:
- Ernährungsszenarien: Basiert auf Verzehrsdaten der spanischen Erwachsenenbevölkerung ab 25 Jahren aus dem Jahr 2022 (Status quo) im Vergleich zu Szenarien der Spanischen Ernährungsrichtlinien 2022 (tier- vs. pflanzenbetonte Auslegung) sowie sechs alternative Szenarien (omnivor mit/ohne rotes Fleisch, pescetarisch, ovo-laktovegetarisch, flexitarisch, vegan).
- Direkte Ernährungs-Gesundheitsbewertung (nutDALYs): Vergleichende Risikoabschätzung (Comparative Risk Assessment) basierend auf den Methodiken der Global Burden of Disease (GBD)-Studie unter Berücksichtigung von 8 Ernährungsrisikofaktoren und hochverarbeiteten Lebensmitteln (UPFs) bezüglich 9 chronischer Krankheitsbilder.
- Umweltbedingte Gesundheitsbewertung (envDALYs): Lebenszyklusanalyse (LCA) nach ISO 14040/44 unter Nutzung der IMPACT World+ v2.1-Methode. Erfasst wurden Umweltwirkungskategorien wie Klimawandel, Feinstaubbildung, Toxizität und Wasserverbrauch entlang der gesamten Wertschöpfungskette (Cradle-to-Consumer).
Zentrale Ergebnisse
Im Jahr 2022 verursachte die aktuelle Ernährungsweise der spanischen Erwachsenen insgesamt über 1,27 Millionen DALYs (945.351 nutDALYs und 331.797 envDALYs) – was ca. 23% der auf Risikofaktoren zurückführbare Krankheitslast entspricht (5,4 Mio. DALYs).
In Bezug auf alle verhaltensbedingten Risikofaktoren – neben Tabak, Alkohol, mangelnde Aktivität – hat die Ernährung sogar einen Anteil von 42%. Dies unterstreicht die gewaltige Belastung für das öffentliche Gesundheitswesen und die globale Umwelt.
Wichtigste Ergebnisse auf einen Blick
- Hauptursachen der aktuellen Krankheitslast: Die direkten ernährungsbedingten Gesundheitsschäden werden primär durch einen zu geringen Verzehr von Vollkornprodukten (21 %), Obst (13 %) und Hülsenfrüchten (12 %) sowie einen hohen Konsum von hochverarbeiteten Lebensmitteln (15 %) und rotem Fleisch (14 %) angetrieben. Kardiometabolische Erkrankungen machen 69 % der nutDALYs aus.
- Starke Entlastung durch Ernährungempfehlungen: Eine Befolgung der spanischen Ernährungsempfehlungen könnte die ernährungsbedingte Krankheitslast um 78 % bis 96 % senken. Die umweltbedingten Gesundheitsschäden würden um 3 % bis 27 % zurückgehen.
- Höchstes Potenzial haben alternative pflanzenbetonte Szenarien: Stärker pflanzenbasierte Ernährungsformen (z. B. flexitarisch oder vegan mit täglichem Verzehr von Hülsenfrüchten und Nüssen sowie maximal 1 Portion tierischem Protein/Tag) reduzierten die nutDALYs um 86 % bis 100 % und die envDALYs um bis zu 33 %.
- Nährstoffversorgung gewährleistet: Fast alle untersuchten Szenarien erfüllten die Nährstoffempfehlungen der WHO. Bei rein pflanzlichen oder stark reduzierten Varianten ist jedoch auf eine gezielte Kalziumzufuhr (z. B. über angereicherte Sojadrinks) und eine Supplementierung von Vitamin B12 zu achten.
Umweltbedingte Gesundheitseffekte und Zielkonflikte
Die Umweltanalyse zeigte, dass 74 % der envDALYs auf den Klimawandel und 15 % auf die Feinstaubbildung zurückzuführen sind. Tierische Produkte – insbesondere Fleisch (28 %), Fisch (18 %) und Milchprodukte (11 %) – stellen die Haupttreiber dar. Eine pflanzlichere Ernährung senkt diese Effekte drastisch. Dennoch wurden auch ökologische Zielkonflikte sichtbar: Bei einigen pflanzlichen Lebensmitteln (wie Nüssen, Obst und Gemüse) führen intensive Anbaumethoden zu leichten Anstiegen in den Bereichen Humantoxizität und Wasserknappheit. Die Forschenden betonen daher, dass Konsumveränderungen durch nachhaltige landwirtschaftliche Praktiken und Abfallreduzierung entlang der gesamten Lieferkette ergänzt werden müssen.
Bewertung der Evidenz und Ausblick
Die Arbeit besticht durch ihren ganzheitlichen Ansatz, der direkte individuelle Gesundheitsfolgen mit globalen ökologischen Rückkopplungen vergleicht. Grenzen der Methodik liegen in der Nutzung von aggregierten Verzehrsdaten auf Bevölkerungsebene sowie der Verwendung französischer Ökobilanz-Datenbanken (Agribalyse), die jedoch für den spanischen Kontext angepasst wurden. Zukünftige Richtlinien sollten den Verzehr von Hülsenfrüchten (mindesten 1 Portion täglich) und Nüssen stärker betonen und klare Empfehlungen für den Umgang mit angereicherten Lebensmitteln geben.
Fazit: Pflanzlich-orientierte Ernährungsrichtlinien als Doppelgewinn
Die Studie zeigt eindrücklich, dass Ernährungsentscheidungen nicht nur die eigene Gesundheit beeinflussen, sondern über Umwelteffekte auch die Gesundheit anderer Menschen und künftiger Generationen betreffen. Eine konsequente Umsetzung moderner, pflanzenbetonter Ernährungsempfehlungen bietet eine enorme Chance: Sie schützt das Gesundheitssystem vor massiven chronischen Krankheitslasten und leistet gleichzeitig einen entscheidenden Beitrag zum globalen Umwelt- und Klimaschutz.
Sind die Ergebnisse auf Deutschland übertragbar?
Ja, die Kernerkenntnisse der Studie lassen sich in hohem Maße auf Deutschland übertragen. Auch hierzulande liegt der Konsum von Fleisch, Milchprodukten und stark verarbeiteten Lebensmitteln deutlich über den wissenschaftlichen Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) sowie der EAT-Lancet-Kommission, während Vollkorn, Hülsenfrüchte und Nüsse zu wenig verzehrt werden. Wie in Spanien stellt die jetzige Ernährungsweise in Deutschland einen der zentralen Treiber für Zivilisationskrankheiten (insbesondere Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Typ-2-Diabetes) sowie für Treibhausgasemissionen und Landnutzung dar.
Publikation

Fresan U, Sala-Vila A, Meier T, Nunez M, Grosso G, Rosenbaum RK (2026): Estimating the nutrition- and environment-attributable human health burden of the Spanish food consumption vs. Spanish dietary guidelines. In: Journal of Cleander Production , Elsevier, 574 (2026) 149124, DOI: 10.1016/j.jclepro.2026.149124






